Nachtruhe

Gestern Abend ging ich vor die Tür um eine letzte Zigarette zu rauchen. Um 23:15 Uhr ist Nachtruhe. Vor der Tür standen die üblichen Verdächtigen: Niels, Patrick, Marco und Ronny – zwischen ihnen saß ein mädchenhaftes Mädchen einer anderen Station, die mir noch nicht vorgestellt wurde, und ich bisher auch keinerlei Motivation verspürte sie kennenzulernen. Niels: klein und Kampfsportler, immer überdreht als hätte ihn jemand von hinten aufgezogen und im Versuch dieses durch dauernde Bewegungen und vieles, viel zu lautes Reden kompensieren zu wollen. Jeder seiner Sätze endete mit einem Ausrufezeichen, die die Unumstößlichkeit und Widerspruchsfreiheit seiner Aussagen zementierte, die leider in einem krassen Widerspruch zu dessen Inhalten standen. Niels teilte das Zimmer mit einem Neuzugang, Herbert ebenfalls QE, schätzungsweise Ende 50, Alkohol. Ein, wie es scheint, vernünftiger Mann, der nach jahrelanger Trockenheit noch immer versucht seinen erneuten Rückfall zu verstehen, der ihn kürzlich hergebracht hat. Herbert misst gute zwei Meter, an sich schlank bis auf die Mitte seines Körpers, die ihn beim samstäglichen Wiegen auf 120 Kilo bringt. Herbert ist ruhig, Herbert ist nett, Herbert schnarcht. Laut. Sehr laut. So laut, dass Niels entnervt die letzten zwei Nächte in den „Multifunktionsraum“ umziehen durfte. Eine weitere Nacht mit Herbert stand bevor. Allein der Gedanke wieder auf das Zimmer zu gehen machte Niels schon aggressiv– auch ein Problem, weshalb er hier war. Neben Diebstahl und Raub hatte er wegen Körperverletzung im Gefängnis gesessen, die aber meist in Verbindung mit hohem Alkoholkonsum gestanden hatte. Aber das ist eine andere Geschichte.

Marco, ein attraktiver Mann um die 30, dessen Mimik, Gestik, Kleidung und Habitus auf einen sozioökonomischen Status und Herkunft hinwiesen, die sich von Rest der Gruppe deutlich unterschieden und, der sich später durch das „von“ in seinem Nachnamen zu bestätigen schien, hörte Niels zu und gab ihm den Rat sich nicht auf die störenden Geräusche des Schnarchens, sondern auf die Ruhe außerhalb des Schnarchens zu konzentrieren. Niels tickte fast aus: „Alter, das geht nicht!! Was erzählst Du mir denn für einen Scheiß?! Bei dem gibt es nur drei Abstufungen: laut, sehr laut oder extrem laut! Dabei kann KEIN Mensch schlafen!!“ Marco sagte unbewegt. „Doch, das geht.“ Niels wollte gerade Luft holen, um zu einer seiner lautstark überdrehten Gegenreden auszuholen. Marco: „Willst Du mal hören, wobei ich sechs Wochen schlafen musste?“ Nimmt sein Handy und findet die Tonspur. Während wir im Dunkeln vor der Psychiatrie sitzen, hören wir Schreie, als würde jemanden bei vollem Bewusstsein die Schädeldecke geöffnet. Mir gehen Bilder von Guantanamo und Folterkellern durch den Kopf. Ich: „Marco, verdammt, was ist das? Wo war das? Wo warst Du?“ „Psychiatrie in Bergedorf“. Ich wusste schon, dass er nach einem Streit mit seiner Freundin zwangseingewiesen wurde. Niels fragte nur: „Ey, was ist denn mit dem Typen los?!“. Marco: „Schwere Psychosen. Keine Ahnung.“ Ich: „Wie hast Du das nur ausgehalten?“ Kurze Pause, Achselzucken. „Ich bin mit einem Problem rein und mit einem Schaden wieder raus.“ Die Schreie klangen weiter. Schreie eines Wahnsinnigen. Niels und ich sahen uns an und gingen rauf. Froh über die Ruhe im Haus und die schnarchenden Zimmergenossen, die auf unseren Zimmern auf uns warteten.

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2 Gedanken zu “Nachtruhe

  1. berührt und inspiriert mich alles sehr. toll geschrieben auch. letztes jahr 12 wochen an einer tagesklinik ne therapie gemacht. die therapeuten waren ein witz teils. wie in einer seichten talkshow lief das. die patienten hingegen manchmal nahezu genial, wenn auch voller probleme. damit konnten die therapeuten oft nix anfangen. weder mit dem feinsinn der patienten, noch mit den problemen. tja.
    danke für deine berichte, ich les weiter. alles gute für dich!

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  2. Über den Stern-Artikel stieß ich auf deine beiden Blogs und bin hochinteressiert… ich bin in deinem Alter und kämpfe nach diversen Krankschreibungen noch gegen die Entwicklung einer Borderline-Störung an (oder bin schon mittendrin, das weiß ich ja erst recht nicht). Deine idee, deine Erfahrungen aufzuschreiben ist wunderbar – und dein Stil berührend, intensiv und warm. Man fühlt dich und du nimmst den Leser gut mit in dein Erleben.
    Ich bin gespannt auf mehr!

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