Freiheit und Demut

Bevormundung. Dieses Gefühl nahezu allumfassender Bevormundung. War ich vor einer Woche noch ein freies, selbstbestimmtes Mitglied der Gesellschaft mit Rechten und Pflichten, Freunden, Job, EU-weiter Reise- und Arbeitsfreiheit, Wahlrecht und Zugang zu allen Möglichkeiten des Konsums, bestimmen plötzlich andere über empfindliche Teile meines Lebens.

Meinen 16. und 18. Geburtstag, sogar die volle Strafmündigkeit mit 21 hatte ich als Schritte in die Eigenverantwortung und Selbstbestimmung gefeiert. Nach dem Auszug aus dem Elternhaus, Kontrolle und Fürsorge entzogen, ernährte ich mich eine Woche von Toastbrot und Nutella – nicht weil es mir schmeckte, nur weil ich es konnte. Meine private Rebellion bis heute ist die Klamotten abends in die Ecke zu schmeißen und über die Woche zu einem schwarzen Kleiderberg anwachsen zu lassen. Der Haufen, mein Recht auf Chaos, wird gegen jeden Partner auch unter heftigen Auseinandersetzungen verteidigt.

Nun obliegt wann ich esse, was ich esse, wohin ich gehe und warum, plötzlich nicht mehr meiner freien Entscheidung. Es gibt um 7:30 Uhr Frühstück, um 12:00 Uhr Mittagessen und um 17:30 Uhr Abendbrot. Mit Anwesenheitspflicht. Ich wünschte, das könnte man auch von der Qualität des Essens sagen.

Medikamente dürfen nur unter Aufsicht eingenommen werden, auch Aspirin und Vitamintabletten. Meine Medikation hier. Ich könnte sie schließlich meistbietend an einen Tablettenabhängigen verkaufen. Oder so. Nasentropfen werden in so winzigen Dosen verabreicht, dass sie kaum für eine Seite reichen. Erst nach einer Woche betteln bekam ich ein eigenes Nasenspray. Ein innerer Triumph. Nasenspray? Triumph? Ja, die Dinge fangen an sich zu verschieben.

Für alle Patienten gibt es am Empfang den Internetzugang zwar überteuert, aber einfach käuflich zu erwerben. Für alle? Mitnichten.

„Sind Sie Patientin hier?“

„Ja.“

„Haben Sie einen Patientenausweis dabei?“

„Patientenausweis? Ne, hab ich nicht.“

„Ach, das macht nichts. Auf welcher Station sind Sie denn?“

Ich versuche mein schönstes Ich-bin-normal-und-nicht-weniger-gestört-als-Du-Lächeln aufzusetzen: „2E.“

Stirnrunzeln. Prüfender Blick. Räuspern. „Ähm, ja, also, dann brauche ich eine Genehmigung von Ihrer Stationsleitung.“

Kronsch. Etwas bricht in mir zusammen. Mit waidwundem Blick und eingesackten Schultern: „Ne, echt jetzt?“

„Tut mir leid. Sie müssen sich eine Genehmigung holen und können dann wiederkommen.“

Nach einer Woche darf ich ab heute zumindest das Gelände verlassen. Den Freiheitsgewinn werde ich mit einem Ausflug zu LIDL feiern. Allein. Und mir was kaufen. Irgendwas. Vielleicht Nutella und Toastbrot.

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