Konstruktives Betrachten einer Ananas

Meine erste Lektion in innerer Achtsamkeit. Eineinhalb Stunden. Die ersten zehn Minuten sind dem „Achtsamen Sitzen“ gewidmet. Die Therapeutin schlägt einen Gong. Alle sitzen achtsam, atmen achtsam, achtsam ein, achtsam aus. Alle entspannen sich, mit geschlossenen Augen. Ich merke achtsam wie ich langsam aggressiv werde. Zehn Minuten können lang sein. Ich stelle mir vor was ich gerade lieber tun würde: Schreiend unter einer Autobahnbrücke stehen zum Beispiel. Holz hacken, ein ganzes Wäldchen gleich, Rugby spielen oder eine gepflegte Schlägerei anfangen. Der Gong ertönt wieder. Wir sollen langsam zurück in den Raum kommen. Alle recken sich verträumt, lächeln beseelt. Ich möchte weglaufen.

Als Neuling wird mir der Unterschied zwischen innerer und äußerer Achtsamkeit erklärt. Ich starre den Therapeuten an, mit einer Mischung aus ehrlichem Interesse, dem Wunsch mich darauf einlassen zu können und dem Drang die Augen ins Innere meines Kopfes zu drehen. Innere Achtsamkeit ist die Konzentration auf die eigenen Gefühle und Gedanken. Äußere Achtsamkeit hingegen ist auf die Wahrnehmung des Umfelds bezogen, zum Beispiel das konstruktive Betrachten einer Ananas. Ich atme schwer. Ich bitte ihn mir das mit der Ananas noch etwas näher zu erläutern.

Heute wollen wir über Dialektik sprechen. Der Therapeut fragt uns, was Dialektik ist. Nach zwei Antworten stehe ich auf und verlasse kurzzeitig den Raum.

Vor und nach jeder Sitzung müssen wir unsere Anspannung in Prozent angeben. Also ungefähr so zwölfmal am Tag. Bis 30 Prozent ist eher schlafend, 30 bis 50 Prozent wach und aktiviert, 50 bis 70 Prozent konstruktiv bis kritisch angespannt, ab 75 Prozent kommt der rote Bereich.

Es wird die Runde gemacht. Alle sind entspannt, zumindest entspannter als vorher.

Ich: 70-75 Prozent.

Therapeut, besorgt: Wissen Sie, was Sie jetzt tun können, um die Anspannung abzubauen?

Ich denke: Ich hätte wahnsinnig gern Sex.

Ich sage: Ich werde noch ein paar Achtsamkeitsübungen machen.

Der Therapeut nickt zufrieden. Schön, dass ich ihn glücklich machen konnte.

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Ein Gedanke zu “Konstruktives Betrachten einer Ananas

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