Soziales Ekelgefühl

Mittagessen. Am Kopfende unseres Tisches sitzt Niels. Wie Jesus hat er seine Jünger um sich geschart. Er doziert über sein Gesellschaftsbild und Normalitätsbegriff. Seine etwas zu hohe, aufgeregte Stimme erfüllt den Raum. Ignorieren chancenlos. Es wird sexistisch, homophob. Die ganze Klaviatur gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Sandy sitzt mir gegenüber. Unsere Blicken verhaken sich, unser zufriedenes Kauen geht in angespanntes Malmen über. Über unseren Köpfen zieht eine Gewaltphantasie auf. Bevor wir aufstehen und ihm seitlich die Gabel in den Hals stecken, suchen wir den Stützpunkt auf und das Gespräch zur Bezugspflege. Wir fassen die Lage zusammen: soziale Unverträglichkeit, emotional und intellektuelle Zumutung, Dummheit gepaart mit unreflektierten Ego und übertriebenem Narzissmus und so weiter. Ich beschließe die Ausführungen mit dem Eingeständnis unserer Gewaltaspiration.

Pflegerin: „Frau Nuthouse, kann es sein, dass Sie gerade Verachtung empfinden?“

„Öhm, jetzt wo Sie es sagen…ja, Verachtung trifft es ziemlich gut.“

Pflegerin: „Verachtung ist ein destruktives Gefühl. Überlegen Sie bitte, ob das angemessen ist.“

Angetäuschtes Nachdenken. „Doch, ja. Er hat auch viel dafür getan, um sich das zu verdienen.“

Pflegerin: „Haben Sie das Gefühl öfter?“

„Neinein. Verachtung hebe ich mir nur für ganz besondere Personen und Momente auf.“

Pflegerin: „Haben Sie schon das Arbeitsblatt „Verachtung“?“

Bitte?! Ich wünschte mich verhört zu haben.

Sie zieht ein Buch aus dem Regal. Inhaltsverzeichnis, blättern, Verachtung. Sie legt das Buch auf den Kopierer und überreicht mir vier warme DIN A4 Seiten. „Setzen Sie sich bitte damit einmal auseinander.“

Ich lerne folgendes:

„Verachtung kann man auch als soziales Ekelgefühl bezeichnen. Die Körperreaktion ist unspezifisch. Sie ähnelt derjenigen beim Ekel (Würgegefühl, Übelkeit) und bei Hass (Anspannung der Muskulatur, Anspannung der Kiefer). Die Handlungstendenz ist auf Meidung oder Vernichtung des verachteten Objektes (und auf dessen Verwandte/ihm nahestehenden Personen) gerichtet.

Wann ist Verachtung gerechtfertigt? Verachtung ist grundsätzlich ein Gefühl, das man mit Vorsicht betrachten sollte. Natürlich gibt es Menschen, die sich nicht an die grundlegenden moralischen Regeln halten, und es ist gerechtfertigt, sich vor diesen zu schützen.

Wie kann ich dem Gefühl entsprechend sinnvoll handeln? Wenn man sicher ist, dass ein Anderer Verachtung verdient, dann sollte man sich und diejenigen, die einem wichtig sind, vor diesem Menschen schützen. Man sollte den Kontakt so gut es geht meiden und sich abgrenzen.“

Soweit so gut. Mein Problem löst es nicht. Aber Mittwoch wird Niels entlassen. Bis dahin pflege ich sorgsam mein gerechtfertigtes  Ekelgefühl.

Es gibt übrigens Arbeitsblätter zu 73 unterschiedlichen Gefühlen. Ich nehme mir vor, einen Sammelordner anzulegen. Mal sehen, ob ich am Ende der 12 Wochen die Serie zusammenhabe.

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3 Gedanken zu “Soziales Ekelgefühl

  1. Lass Dir nicht nichts einreden. Verachtung ist eine absolut notwendige Reaktion ohne die man die Zumutungen unserer Umwelt gar nicht aushalten könnte. Wikipedia beschreibt schön die soziale und gesellschaftliche Notwendigkeit: „Soziologisch betrachtet ist Verachtung anderer Personen als Haltung und soziale Sanktion ein zentraler Bestandteil von Schamkulturen. Als scharfe Form der Exklusion spricht Verachtung dem Verachteten Geltung, Ehre und Ansehen ab, er „verliert sein Gesicht“. (Siehe auch Demütigung.) Auch im heutigen Mitteleuropa spielen Verachtung und Achtung in einigen Subkulturen eine auffällige Rolle, dies reicht von den peer groups von Jugendlichen über das organisierte Verbrechen, die Politik bis in den Wissenschaftsbetrieb der Universitäten. Verachtung von Eheleuten untereinander ist ein häufiges Frühzeichen einer späteren Trennung.“

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