48-Stunden-Depression

Ich kriege eine Überweisung zum HNO-Arzt. Nach einer Mittelohrentzündung soll ich zum Hörtest. Auf der Überweisung steht meine vollständige psychiatrische Diagnose. Bekannt. Nur die mittelschwere Depression ist mir neu. Toll, depressiv also auch noch. Toll, dass von einem Überweisungsschein zu erfahren. Und vor allem: Woher wollen die das wissen?

Nach meiner Aufnahme wurde ich einer medizinischen Untersuchung unterzogen. EKG, Blutabnahme, Urinkontrolle – unter Aufsicht versteht sich. Ich wurde vermessen, gewogen, kontrolliert und protokolliert. Und habe drei Computertests mit bis zu 150 Fragen beantwortet. Zum Beispiel, ob ich als Kind gerne Tiere gequält habe. Nur gesprochen hat mit mir keiner.

Das mit der Kommunikation meiner Diagnose sei suboptimal gelaufen, heißt es. Suboptimal. Suboptimal finde ich auch, dass die psychiatrische Diagnose auf dem Überweisungsschein steht. Da kann ich mich doch gleich vorstellen: „Hallo, Nuthouse mein Name, ich bin ein depressiver Borderliner mit Suchtstörung und möchte einen Hörtest machen.“

Pflegerin: „So müssen Sie das doch nicht sagen!“

Ja, Humor ist nicht ihre Stärke. Sarkasmus offensichtlich auch nicht. „Nein, natürlich muss ich das nicht so sagen. Es steht schließlich hier drauf.“

Pflegerin: „Ja, das steht bei Konsiliarscheinen immer drauf.“

Ah. Das machen wir immer so. „Ist meine psychische Diagnose denn für einen Hörtest relevant?“

Sie schaut mich an. Ich schau zurück. Sie druckt mir eine neue Überweisung aus. Ohne psychiatrischen Befund.

Dann Therapeutengespräch zur Evaluierung der computerbasierten Diagnose. Erneutes Frage-Antwort-Spiel. „Finden Sie das Leben sinnlos?“ – „Natürlich. Aber die Sinnlosigkeit des Lebens zu akzeptieren hat etwas sehr befreiendes“. Wir machen eine halbe Stunde so weiter. Ich fühl mich wie in einem Moritz von Uslar-Interview. Und ebenso gut unterhalten.

Ergebnis: Ich bin nicht depressiv. Und übrigens, Tiere habe ich auch nie gequält. Nach Pflegerinnen in therapeutischen Einrichtungen wurde nicht gefragt.

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2 Gedanken zu “48-Stunden-Depression

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