Sisyphos

Kreativgruppe. Über das therapeutische Ziel kann ich nur spekulieren. Unsere künstlerische Seite entdecken? Ausdrucksformen für Gefühle finden? Hobbies jenseits von Rausch und Konsum entwickeln? Sinnfreie Beschäftigungstherapie? Ich nehme mir vor das herauszufinden.

Bevor wir wirklich kreativ werden dürfen, müssen wir einen Notfallpass basteln. Einen Notfallpass. Er soll helfen Rückfälligkeit zu unserem präferierten Suchtmittel in Risikosituationen zu vermeiden. Der Vordruck beinhaltet Angaben zu Hausarzt, zu kontaktierende Freunden, unserer Lieblingsselbsthilfegruppe und natürlich eine Pro- und Contra-Liste zum Konsum. Was sonst.

Nachdem man den Vordruck an der perforierten Linie ausgeschnitten, gefaltet und zusammengeklebt hat, sollen wir einen individuell gestalteten Einband basteln. Um einen persönlichen Bezug herzustellen. Manche würden den Pass an einem Band um den Hals tragen. Wie einen Hundeanhänger. Bei Verlust bitte zurückbringen. Mit Finderlohn. Ein Amulett mit Adresse und Taxigeld wäre bei einigen sicher  sinnvoller.

Ausgabe der Vordrucke. Ergotherapeutin: „Alkohol oder Drogen?“

Beides. Und am besten viel.

In der nächsten Sitzung dürfen wir uns künstlerisch betätigen. Alles ist möglich. Ölbilder, Kreidezeichnung, leichte Holzarbeiten, aber auch Körbe flechten oder Mandalas ausmalen. Herrlich. So hatte ich mir Psychiatrie vorgestellt. Ich entscheide mich für Speckstein. Das hat mir in der Schule Spaß gemacht. An positive Assoziationen anknüpfen. Ich mache Fortschritte.

Ich darf mir einen Stein aussuchen. Es gibt nur einen Stein. Ich halte den Stein in der Hand. Es ist jetzt mein Stein. Denn darin besteht die verborgene Freude des Sisyphos. Sein Schicksal gehört ihm. Sein Fels ist seine Sache.

Für Camus ist Sisyphos der absurde Held, gefangen in einer sinnlosen Existenz ohne Zweck und Aussicht auf Erfolg. Doch das Bewusstsein der Absurdität ist für ihn der Schlüssel zur Entdeckung der Freiheit. Man erkennt, dass man nichts zu verlieren hat. Regeln, Pflichten und Sorgen werden bedeutungslos. „Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen“.

Zumindest für mich hat die Kreativgruppe ihr therapeutisches Ziel erfüllt.

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