Umgangsformen

Mittwochs ist Stationsvollversammlung. Die Möglichkeit durch das Team und die Patienten allgemeine, das Zusammenleben betreffende Themen zur Sprache zu bringen. Von Seiten der Patienten sind dies in der Regel die Qualität und Quantität des Essens oder die Planung gemeinsamer Außenaktivitäten. Hier reicht der kreative Konsens selten über Grillen hinaus. Von Seiten des Teams wird das Forum primär genutzt, um auf die Bedeutung und Einhaltung der Hausregeln hinzuweisen: „Das Klinikgelände hört bereits am Park auf. Ab 22:00 Uhr darf das Gebäude nur für eine Zigarettenlänge verlassen werden. Rauchen auf den Zimmern kann zur sofortigen Entlassung führen.“ Die Kollektivermahnungen sind meist auf Regelübertretungen Einzelner zurückzuführen. Gemaßregelt werden prophylaktisch alle. Das hebt die Stimmung. Vor allem bei Menschen mit Autoritätsaversion. Wie mir zum Beispiel.

Aufgrund steigender Temperaturen wurde der Verhaltenskanon nun um den Hinweis auf die Kleiderordnung erweitert. Auf „angemessene Bekleidung“ sei zu achten. Nun kann man trefflich streiten, was angemessen ist. Unangemessen sei, was die Mitpatienten erregt. Nun möchte ich nicht annähernd darüber spekulieren, was meine Mitpatienten in Erregung versetzen könnte. Mein Verweis, dass dies individuell wie soziokulturell unterschiedlich sei, wird akzeptiert. Trotzdem sei man mit bedeckten Schulter und knielangem Beinkleid auf der sicheren Seite. Wenn darüber hinaus Unsicherheiten bestehen, könne man sich an das Team wenden. Ich überlege kurz nun jeden Morgen zum Stützpunkt zu gehen und zu fragen, ob meine Aufmachung einen der Mitarbeiter in Erregung versetzt. Stilberatung auf Kosten der Krankenkasse. Zum Glück haben wir sonst keine Probleme. Doch haben wir. Ich möchte über Umgangsformen sprechen. Die Umgangsformen zwischen Team und Patienten.

Ich habe Verständnis dafür, dass die Arbeitsbelastungen hier hoch sind. Das Team ist seit einiger Zeit unterbesetzt. Anstatt drei Personen ist nur eine pro Schicht anwesend. Nachts müssen gar Zeitarbeitsschwestern aushelfen. Die emotionalen Anforderungen sind hoch. Das Team besteht auch nur aus Menschen.

So kann ich verstehen, dass die Mitarbeiter manchmal gereizt sind. Zum Beispiel, wenn eine Patientin aus Selbstschutz am Donnerstag fordert am Samstag keinen Ausgang zu bekommen, sich dann den ganzen Freitag überpräsent und lautstark beschwert keinen Ausgang am Samstag zu bekommen und den ganzen Samstag impulsiv und höchst emotional mit Therapieabbruch und Suizid droht, weil sie keinen Ausgang bekommt. Ich habe dafür wirklich viel Verständnis. Zumal ich mit der Patientin das Zimmer teile.

Ich hatte zur Sprache gebracht, dass sich das Zusammenleben mit ihr schwierig gestaltet. Und ich mit den Nerven am Ende bin. „Frau Nuthouse, draußen müssen Sie auch lernen mit unterschiedlichen Menschen auszukommen.“ „Sicher, aber die sind in der Regel weitaus weniger gestört und mit denen muss ich nicht auf einem Zimmer wohnen.“ „Frau Nuthouse, sie müssen lernen sich abzugrenzen.“ Abgrenzen? Ich schlage vor, dass er mal für zwei Wochen mit ihr zusammenzieht. „Frau Nuthouse, um mich geht es hier nicht. Was würden Sie denn brauchen, um mit der Situation zurechtzukommen?“ „Ein anderes Zimmer?!“ Nein, das war natürlich nicht möglich. Ich soll lernen damit klarzukommen.

Ja, ich kann schon verstehen, dass das Team manchmal genervt ist. Zum Beispiel, wenn eine Neuaufnahme sich nicht wie die anderen Borderliner bei Anspannung einfach selbst verletzen will. Sondern andere so massiv beleidigt, dass sie ihm die Aufgabe abnehmen sollen. In freier Wildbahn hat ihm die Strategie bereits Kiefer-, Nasenbruch und einen Milzriss eingebracht. Hier ist eine noch höhere Konzentration reizbarer Zeitgenossen versammelt. Die nur unter Aufbringung aller Selbstbeherrschung und um die Konsequenz des sofortigen Rausschmisses wissend, der Versuchung widerstanden ihm die Genugtuung einer weiteren Fraktur zu verpassen. Ja, ich kann verstehen, dass man manchmal genervt ist. Zumal wenn man als Patientensprecherin die Beschwerden aller grenzgereizten Mitpatienten aufnehmen muss. Die erwarten, dass man für die sofortige Entlassung des Neuzugangs sorgt. Was ich dann nicht verstehen kann ist, anstelle des Aggressors zwei Mitpatienten zu entlassen. Zwei nette, entspannte Jungs, die seinem Aufruf zur Gewalt an ihm auf Dauer nicht Stand halten konnten. Wir behalten den Unruhestifter. Und haben noch zwei 60jährige Schwerstalkoholiker hinzu bekommen.

Ja, ich habe viel Verständnis. Die emotionalen Anforderungen sind hoch. Das liegt in der Natur der Aufgabe. Aber sie haben sich ihren Job ausgesucht. Anspannungen und Aggression an die Patienten weiterzugeben, ist besonders bei emotional instabilen Persönlichkeiten überaus ungünstig. Darauf angesprochen ist die Standardreaktion: „Nehmen Sie das als Übungssituation. Das kann ihnen draußen auch passieren.“ Dass Menschen diesen Ort gewählt haben, um in einem geschützten Rahmen den Umgang mit ihren Gefühlen zu erlernen, wird ausgeblendet. Ab jetzt werde ich auch immer, wenn ich mich nicht sozialkonform verhalte, empfehlen, das als Übungssituation zu verstehen. Man wird im Leben ja noch öfter auf Arschlöcher treffen.

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4 Gedanken zu “Umgangsformen

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