Home, sweet psychiatrical home

Schaaaatz, ich bin zu Hause!! Ja, ich bin zurück. Und alle haben sich gefreut. Sogar Pfleger und Ärzte. Und ganz ehrlich? ich freue mich auch wieder hier zu sein.

Aber warum nur? Dem aufmerksamen Leser dürfte meine skeptische bis kritisch-ablehnende Haltung kaum entgangen sein. Der allgemeine wie persönliche Nutzen von Einrichtung und Therapiekonzept scheint mir mehr als fraglich. Also, woher die Freude? Ist es das Essen (sicher nicht), die Mitpatienten (einige vielleicht), das therapeutische Angebot (hüstel)? Ist eine masochistische Ader in mir durchgeschlagen? Ich musste nachdenken.

Es sind die Regeln und Strukturen. Sie sind eine Erleichterung. Sie befreien mich von den Gestaltungs- und Maximierungsansprüchen, die ich an den Alltag und mein Leben stelle. An einem Ort zu sein, an dem ich nichts tun kann. Oder besser: nicht ganz so viel. In der Warteschleife. Aus den Verwertungsprozessen rausgenommen. Reduktion der Anstrengung und Komplexität allgegenwärtiger Optionsvielfalt. Temporäre Befreiung von den Zwängen meines unternehmerischen Selbst.

Oder bin ich genau deswegen hier? Um leistungsfähiger zu werden. Besser zu funktionieren. Im Job. In Beziehungen. Als Freundin, Kollegin, Tochter? Ist mein Aufenthalt nur ein weiterer Schritt der Selbstoptimierung? Ein Versuch zur Erhöhung meiner sozialen Kompatibilität? Zum Abschleifen dysfunktionaler Verhaltensweisen, die gesellschaftlich als inakzeptabel gelten?

Anfang der Woche war offen, ob ich bleiben kann, beurlaubt werde oder für immer gehen muss. Was hätte ein endgültiger Rauswurf bedeutet? Meine Psychoanalytikerin hat mich bereits vor Jahren als untherapierbar entlassen. Meine Krankenkasse weigert sich meine Verhaltenstherapie fortzusetzen. Das hier ist die letzte Option des deutschen Gesundheitssystems. Wäre ich auch hier gegangen worden, bliebe mir nur zu akzeptieren, dass ich mich nicht ändern kann. Mich damit abzufinden an einem Tag glücklich zu sein. Und am nächsten mein Leben und mich selbst zu hassen. Mich jeden Tag auf’s neue vor mir selbst beweisen zu müssen. Durch Leistung. In allen Lebensbereichen. Und Drogen zu nehmen. Nicht weil es mir Spaß macht. Sondern um die kognitiven Dissonanzen einzuebnen. Den Weichzeichner über die Selbstwahrnehmung zu legen. Den Druck rauszunehmen. Die Unzufriedenheit zu vergessen, die aus der Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit entsteht.

Nun habe ich noch eine Chance. Nicht die Chance zur Selbstoptimierung. Sondern damit aufzuhören mich selbst zu bekämpfen. Nur Idioten ziehen in Kriege, die ein Menschenleben dauern und die man nicht gewinnen kann. Ein zufriedenes Leben ist nicht das Ziel. Was soll das auch sein? Aber Waffenstillstand. Wenigstens vorübergehend. Einen Versuch ist es wert. Als Alternative bleibt mir immer noch, meinen Frieden mit dem Krieg zu schließen.

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Ein Gedanke zu “Home, sweet psychiatrical home

  1. Zadie Smith wird in der aktuellen ZEIT in inhaltlicher Übereinstimmung mit Daniel Kehlmann zitiert: „Die Herausforderung ist es, dieses Gefühl von Übelkeit und Selbsthass zu überwinden. Ein erheblicher Teil des Arbeitstages eines Schriftstellers hat mit diesem unangenehmen Gefühl des Selbstzweifels zu tun. (…)“
    Ich befinde mich also in guter Gesellschaft. Nur, dass die nicht in der Klapse sitzen. Ein weiterer Anlass die Konstruktion von Normalität und Störung zu hinterfragen.

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