Der Process im Schloss

Plötzlich wollten sie meine Temperatur messen. Auf die Frage, warum: Achselzucken. „Ärztliche Anweisung.“ Na dann. Ab dem Tag halte ich auf Aufforderung allmorgendlich mein Ohr hin. Widerspruchsfrei. Als Gegenleistung erfahre ich täglich meine konstant gesunde Körpertemperatur von 36,8 °C. Quantified self à la Psychiatrie.

Das Schloss mit seiner Verwaltung scheint durch einen gewaltigen, undurchschaubaren bürokratischen Apparat jeden Einzelnen der Einwohner zu kontrollieren und dabei unnahbar und unerreichbar zu bleiben.

Nach einigen Tagen ohne Ohraufforderung weist mich unvermittelt eine Pflegerin zurecht. Ich hätte meine Temperatur nicht messen lassen! Ich, meinerseits achselzuckend: Es hatte mich keiner darum gebeten. Es wäre meine Pflicht selbst darauf zu achten, dass das tägliche Fiebermessen eingehalten werde!

Vergeblich versucht Josef K. herauszufinden, weshalb er angeklagt wurde und wie er sich rechtfertigen könnte.

Wie ich eine Regel einhalten solle, von der ich nicht wisse, woher sie käme oder überhaupt existiere, frage ich. Von Behandlungsverweigerung ist jetzt die Rede. Wenn es mich wirklich interessieren würde, hätte ich fragen müssen. Dass es mir niemand sagen konnte: zählt nicht.

Anfangs voll Ehrgeiz und Zuversicht, fühlt sich K. zunehmend ohnmächtig angesichts der Undurchschaubarkeit des Systems, in dem er sich befindet.

Wahrscheinlich gab es einen Eintrag ins Klassenbuch. Oder „Strich“ wie es hier heißt. Wie Punkte in Flensburg. Nur, dass der Bußgeldkatalog nicht bekannt ist. Ab wie vielen Strichen Sanktionen folgen, liegt ebenfalls im Unklaren. Über die Art der Sanktionen kursieren nur Gerüchte.

Einer nicht greifbaren bedrohlichen Hierarchie ausgesetzt gestaltet sich das Leben der Dorfbewohner bedrückend. Bei Überschreitung der Vorschriften droht vermeintlich Schlimmes. Vom Schloss werden aber tatsächlich niemals erkennbare Sanktionen erhoben.

Gestern Abend dann die Pflegerin: „Ab morgen müssen Sie dreimal täglich Blutdruckmessen.“

Ich: „Wieso denn?“

Pflegerin: „Ärztliche Anweisung.“

Er gerät dabei immer weiter in ein albtraumhaftes Labyrinth einer surrealen Bürokratie. Immer tiefer dringt er in die Welt des Gerichts ein. Gleichzeitig dringt jedoch auch das Gericht immer mehr in Josef K.s Leben ein.

Pflegerin: „Ihre Werte waren aber immer vorbildlich.“

„Ja, vorbildliche Werte kann ich in Serie liefern.“

Heiterkeit. Vielleicht haben sie doch Humor.

„Und drei Termine mehr am Tag. Toll. Ich mag Struktur.“

Gelächter. Überschwänglich. Oder sie haben den Medikamentenschrank geplündert.

Nach mehreren Gesprächen mit verschiedenen Frauen aus dem Dorf bricht der Roman ab.

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2 Gedanken zu “Der Process im Schloss

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