Skills

Wir können uns aufregen. Wir können uns sehr aufregen. Wir können uns so sehr aufregen, dass es zur Dissoziation kommt. Das Sehfeld verengt sich, wir nehmen uns und andere nicht mehr wahr. Wir agieren nur noch aus dem Gefühl heraus. Der Verstand ist von der Handlung abgekoppelt.

Manche kriegen Nervenzusammenbrüche und Heulkrämpfe. Die meisten verletzen sich selbst und andere, verbal oder physisch. Oder wir lassen unsere Aggression an Gegenständen aus. In jedem Zimmer meiner Wohnung gibt es Zeugen dieser Wutausbrüche. Ein eingetretener Schuhschrank, ein eingedellter Edelstahlmülleimer. In dem geflochtenen Wäschekorb steckte mal mein Fuß. Nun kann man den Füllstand auch von außen einschätzen. Wie praktisch.

Solche dissoziativen Zustände finden im Hochanspannungsbereich statt. Borderliner haben eine höhere Grundanspannung als Durchschnittsmenschen. Anstelle der 20-30 Prozent liegt die Betriebstemperatur bei 40 bis 50. Und es reichen Kleinigkeiten um sie auf weit über 70 zu katapultieren. Früher nannte man sowas wohl Choleriker. Ich habe hier zwei Typen zu unterscheiden gelernt. Die einen sind grundsätzlich eher entspannt und können innerhalb weniger Sekunden in Raserei geraten. Der andere Typ merkt wie er langsam anfängt in den roten Bereich zu fahren. Zu diesem Typen zähle ich. Und das ist auch gut so. Man hat zumindest die Chance zu intervenieren.

Dafür lernen wir hier Skills. Das sind Fertigkeiten, um Anspannungen zu regulieren. Sie auf ein Niveau zu bringen oder zu halten, in dem man rational handeln und entscheiden kann. Sie sollen als Alternativen zu dysfunktionale Verhaltensweisen benutzt werden, wie Selbst- und Fremdverletzungen, Sachbeschädigungen oder Drogenkonsum. Und helfen dissoziative Zustände zu vermeiden, die besonders im öffentlichen Raum und im Berufsleben empfindliche Schwierigkeiten verursachen können. Skills können zum Beispiel sein den Kopf in Eiswasser zu tauchen, auf Ingwer zu kauen oder Zitronensaft zu trinken. Ich fand das immer ziemlich lächerlich. Bis gestern.

Meine letzte Therapeutin hatte mich bereits von der Anwendung von Skills zu überzeugen versucht. Vergeblich. Auch mein Pfleger hier hatte vorerst aufgegeben, nachdem ich ihm den Lustgewinn beschrieben hatte, mit dem ich mich zum Teil bewusst in diese hochenergetischen Zustände begebe. Zum Teil. Wohlbemerkt.

Neue wissenschaftliche Studien belegen, dass die Anwendung von Skills helfen kann, die emotionalen und kognitiven Bereiche des Borderlinegehirns besser zu verbinden. Die mangelnde Kommunikation zwischen diesen Arealen macht es uns nicht nur schwer, heftige Gefühle zu kontrollieren, sondern auch aus negativen Verhaltensweisen zu lernen. Löschungsresistenz heißt das. Die Löschungsresistenz hindert uns daran dysfunktionalen Verhaltensweisen abzulegen und durch andere, weniger schädliche und sozial kompatiblere zu ersetzen.

Wir haben einmal die Woche Skills-Training. Ich habe dieses Schauspiel aus Riechen, Schmecken und Fühlen immer mit einer gewissen Belustigung und kritischen Distanz beobachtet. Saure Bonbons („Center Shocks“), Chillischoten und Hitzesalbe erfreuen sich großer Beliebtheit. Auch scheint mir die Grenze zwischen Selbstverletzung und Skills nicht immer ganz trennscharf. Kneifen ist erlaubt, die Hautoberfläche dabei zu verletzen ist verboten. Hitzesalbe verursacht heftige Rötungen, die durch Duschen noch verstärkt werden. Anfangs hatte ich mich gewundert, warum manche so aussehen als wären sie unter dem Solarium eingeschlafen. Ist aber erlaubt. Ich hätte gern einen Elektroschocker. Ich wäre mir sicher, dass er mir auf kleiner Stufe bei der Anspannungsregulation helfen würde. Die Pfleger guckten als hätten sie ihrerseits mit Zitronensaft geskillt.

Es lässt sich festhalten, dass alles als Skill gilt, was Anspannungen senkt und auf Dauer keine negativen Folgen und gesundheitlichen Schäden bei sich und anderen verursacht. Das Ziel ist eine Skillkette zu entwickeln. Eine Reihe von Fertigkeiten, die man hintereinander anwendet, um den Hochanspannungsbereich schrittweise auf ein normales Niveau zu senken. Ich bin nun fünf Wochen hier. Und hatte noch nicht mal einen Skill. Von einer Kette ganz zu schweigen. Bis gestern.

Wenn es einem schlecht genug geht, ist man bereit so ziemlich alles mitzumachen. Oder ich hatte einfach Mitgefühl mit der Nachtschwester und ihren zunehmend verzweifelten Versuchen mich irgendwie zu beruhigen. Wir probierten schließlich alles aus, was die Skillssammlung der Station hergibt. Wir hatten die ganze Nacht Zeit. Was bei mir wirkt: Ammoniak. Daran zu riechen ist wie ein Faustschlag ins Gesicht. Es treibt einen Tränen in die Augen und lenkt todsicher von allem ab, was einem durch den Kopf gehen könnte. Leider nur für wenige Minuten. Gegen Wasabi und Tabasco scheine ich immun zu sein; die schärfsten in Deutschland erhältlichen Chillis bringen einen ebenfalls dazu, sich für längere Zeit mit nichts anderem als dem Gefühl zu beschäftigen, dass es einem den Mundraum wegätzt. Am nachhaltigsten ist es jedoch, die heißgelaufenen Synapsen einfach runterzukühlen. Gleichzeitig von innen und von außen. Mit Eiswürfeln im Mund und Coolpack an der Stirn. Egal wie absurd man sich dabei auch vorkommt.

So bin ich innerhalb einer Nacht bei der Entwicklung meiner Skillskette große Schritte weitergekommen. Sollte ich aber jemals wiedergeboren werden, möchte ich die Bedienungsanleitung für mich bitte gleich mitgeliefert haben. Es hätte mir viele unangenehme Erfahrungen erspart. Und mein Schuhschrank wäre auch noch heil.

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