Der Druck steigt

Mir fehlt zunehmend die kritische Distanz um das hier mit einem humorvollen Blick von außen zu betrachten. Das System dringt in mich ein.

Ich bin angespannt. Meine Nervenbahnen sind hochtönig surrende Saiten. Die bei leichtestem Anschlag zu reißen drohen. Vielleicht bin ich immer so. Draußen im Alltag. In meinem Job. Mit Freunden. Und merke es nur nicht.

Hier sind wir gezwungen in uns reinzuhören. Uns dauernd zu fragen, wie es uns geht. Morgens, mittags, abends. Vor jeder Gruppe, nach jeder Gruppe. Man wird hypersensibilisiert für seine eigene Befindlichkeit. Anfangs war ich irritiert über die Anspannung aller. Verrückte, dachte ich. Sensibelchen. Oder faule Ausrede. Denn bei Hochanspannung dürfen wir die Gruppen verlassen und skillen gehen. Anspannung regulieren. Alles Verrückte. So wie ich. Ich geh jetzt auch skillen. Treibt mich der Laden in den Wahnsinn?

Die stete Abfolge aus Gruppen, Sitzungen, Gesprächskreisen, Mahlzeiten. Mit dauernd wechselnden Gesichtern. Leute kommen und gehen. Ich merk mir nicht mal mehr die Namen. Zu müde mich auf neue Biographien einzulassen. Verschwunden, hat man sich grad an sie gewöhnt. Energieverschwendung.

Zwischen den Sitzungen dreißig bis neunzig Minuten Pause. Zu wenig Zeit, um sich mit etwas anderem zu beschäftigen; zu viel um konstant betriebsam zu bleiben. Oder sein Beruf- und Privatleben weiterzuführen. Es fällt mir zunehmend schwer den Kontakt zu halten. Ich antworte kaum noch auf Anrufe, E-Mails, Kurznachrichten.

Stattdessen Gefühlsprotokolle und Verhaltensanalysen. Was haben Sie in dem Moment gedacht und gefühlt? Wie reagiert ihr Körper? Sind ihre Gefühle der Situation angemessen?  Woher kommt das Gefühl? Was ist das Primärgefühl dahinter? Was sind ihre Bedürfnisse? Werden Sie denen gerecht? Können Sie Anfälligkeitsfaktoren reduzieren? Trinken Sie genug? Schlafen Sie ausreichend? Was können Sie tun um die Situation zu verbessern? Wie ist ihre Anspannung? Hoch, höher, Amok.

Ich muss raus. Ich verlasse die Klinik. Spontan. Lasse meine Sitzungen ausfallen. Wohltuendes Eintauchen in das, was man als Normalität bezeichnet. Vertraute Orte, Plätze. Menschen, die ich nicht kenne. Aber die ich durch die Alltäglichkeit ihres Tuns wie Freunde betrachte. Abgrenzung.

Zurück. Und wiederhole mein Mantra der Normalität in Endlosschleife: Das ist nicht die Realität. Das ist nicht mein Leben. Mein Leben findet draußen statt. Und wartet auf mich. Hoffentlich.

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2 Gedanken zu “Der Druck steigt

  1. Das Leben wartet nicht, es geht weiter, die Menschen machen weiter. Alles fließt, alles dreht sich weiter. Und wenn man wieder einsteigen will, ist das als würde man in einen Paternoster steigen, man muss den richtigen Moment abpassen. Trotzdem gibt es immer Menschen, die mal kurz auf die Stopptaste drücken und einem beim Einsteigen helfen.

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