Primär- und Sekundärgefühle

Jeder hat mal einen schlechten Tag. Auch wenn es hier nicht den Eindruck macht, habe ich meistens gute, ja sogar sehr gute Tage. Heute bin ich bereits mit einer Stimmung aufgewacht, die nichts Gutes verheißen konnte. Und die Aussicht auf eine dreistündige Wurzelbehandlung machte sie nicht eben besser. Ich hatte mich zudem in einen Studentenkurs eingetragen. Man will schließlich den Nachwuchs fördern. Und mehr Geld für Schuhe zur Verfügung. Es stand mir somit nicht nur eine Wurzelbehandlung bevor, sondern eine Wurzelbehandlung von jemanden, der wahrscheinlich noch nie zuvor eine Wurzelbehandlung gemacht hatte. Zu einer diffusen Missstimmung mischten sich nun Angst und Panik. Auch Gedanken an die zu erwerbenden Schuhe halfen wenig.

Wieder Zeit Erlerntes anzuwenden: Entgegengesetztes Handeln. Ich setze ein Lächeln auf. Die verkrampfte Fratze im Spiegel erschrickt mich  selbst. So vor die Tür zu gehen birgt die Gefahr, gleich in einer Zwangsjacke zurück auf’s Zimmer gezerrt zu werden. Ok. Vergessen wir das mit dem Lächeln. Anstatt meinem erstem Handlungsimpuls zu folgen und die Kopfhörer mit „Rage against the machine“ aufzusetzen, höre ich fröhliche Musik auf dem Weg zum Zahnarzt. Das hilft tatsächlich etwas. Der junge Student, der mich als mein Zahnmediziner begrüßt, trägt weiter zur Stimmungsaufhellung bei. Falls es mit der Zahnarzterei nichts werden sollte, würde ich ihm eine Karriere als Unterwäschemodell empfehlen. Oder so. Nur schade, dass man bei einem Zahnarztbesuch selbst nicht die beste Figur macht. Schon gar nicht, wenn einem ein blaues Gummituch aus dem Mund heraus über das halbe Gesicht gespannt wird unter dem sich der Speichel sammelt und in kleinen Rinnsälen das Kinn runterläuft.

Zurück in der Klinik ist es wieder da. Das Gefühl der Leere, Einsamkeit und Traurigkeit. Meine hiesige Therapeutin hat dies als meine Hauptbaustelle identifiziert, an der ich arbeiten soll. Ich setze mich hin und fülle ein Gefühlsprotokoll aus. Freiwillig. „Das Gefühlsprotokoll kann Sie unterstützen aktuelle Gefühle zu erkennen und zu benennen.“ Aha. Das Protokoll bestätigt mir, dass ich traurig bin. Warum weiß das Protokoll auch nicht. Im zweiten Teil des Protokolls soll man einschätzen, ob das Gefühl angemessen ist und, ob der damit verbundene Handlungsdrang für mich oder andere langfristig von Nachteil ist. Der damit verbundene Handlungsdrang…Was täte ich denn jetzt gern? Die Antwort ist einfach: Ich sehne mich nach Nähe, Körperlichkeit, Sexualität. Das hilft mir jetzt aber auch nicht weiter. Oder doch. Ich gehe zu meinem Bezugspfleger. Der hat nämlich gerade Dienst.

Ich erläutere ihm die Situation und meinen Handlungsdrang. Eindringlich. Er hilft mir zu versuchen die Ursachen für meine Gefühle zu identifizieren. Wir reden über die Funktion von Gefühlen. Gefühle sind Reaktionen auf Situationen und zeigen einem die der Situation angemessene Verhaltensweise auf. So wie Angst sinnvollerweise zu Flucht führt. Spezifische Gedankengänge können jedoch das angemessene Primärgefühl und den dazugehörigen Handlungsimpuls in Sekundärgefühle umwandeln. So kann emotionale Verletzung und Traurigkeit in Wut und Gewalt umschlagen. Ich meine zu verstehen, worauf er hinaus will.

Zum Abschluss händigt er mir die Infoblätter zu Einsamkeit und Traurigkeit aus. Das Infoblatt „Einsamkeit“ empfiehlt als dem Gefühl entsprechend sinnvolle Handlung „Zärtlichkeit und Sexualität“. Ich muss laut lachen. Ich frage ihn, ob sie das auch als Skill im Angebot hätten. Ich warte die Antwort nicht ab und verlasse das Zimmer. Als ich wieder vorbeigehe, sehe ich ihn weit aus dem geöffneten Fenster gelehnt. Vielleicht denkt er auch über der Situation angemessene Verhaltensweisen nach. Allein die Vorstellung reicht, dass meine Traurigkeit verflogen ist. Es stimmt: Es hilft über seine Gefühle zu reden.

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