Trennungsschmerz

Man muss lernen mit Schmerz und Verlust umzugehen. Das Infoblatt „Trauer“ hilft einem dabei:

Wenn wir einen endgültigen Verlust erleiden, trauern wir. Der Trauerprozess läuft in Phasen: Zunächst tendieren wir dazu, den Verlust zu leugnen. Dann folgt häufig eine Phase der Wut und Auflehnung, gefolgt von Niedergeschlagenheit. Schließlich mündet der Prozess in die radikale Akzeptanz, in das „Annehmen“ des Verlustes und damit auch der Trauergefühle. Das Annehmen des Verlustes ist der Schlüssel zur erfolgreichen und damit auch beendbaren Trauer.“

Ich habe heute meinen Zahn verloren. Nach der gestrigen Wurzelbehandlung ist die Außenwand weggebrochen. Der Zahnarzt konnte mir keine Hoffnungen machen. Der halbe, verbliebene Stumpen wird die Tage gezogen. Ich habe Zeit um Abschied zu nehmen. Abschied von einem weiteren Backenzahn und den 3.000 Euro, die das Implantat kosten wird. In der Phase der Wut habe ich dem jungen Zahnmediziner nun doch zu einer Karriere als Unterwäschemodell geraten. Oder zumindest irgendwas, wo er nur aus sich herausschauen und keinen Schaden anrichten kann.

Mittlerweile bin ich zwischen Niedergeschlagenheit und radikaler Akzeptanz angelangt. Und versuche den Vorfall als Chance zu begreifen, um im Kleinen zu üben, was mir im Großen noch bevorsteht: Der Umgang mit Verlusten und das Aushalten von Traurigkeit. Denn ich bin nicht gern traurig. Wer ist das schon? Ich bin lieber wütend. Wut geht nach vorne. Wut ist stark. Traurigkeit macht schwach und verletzlich.

Grundsätzlich entstehen die meisten Probleme durch die Vermeidung von Trauer. Daher ist es in aller Regel gut und notwendig, wenn der Trauerprozess durchlebt und abgeschlossen wird.“

Ja, doch. Ja, doch. Ja. Ich habe einen ganzen Speicher voll Ereignissen für die ich traurig hätte sein sollen. Aber nie über die Phase des Leugnens und Verdrängens oder der Wut hinausgekommen bin. Und langsam wird es eng dort. Ich werde wohl anfangen müssen, den emotionalen Müllhaufen Schicht für Schicht abzutragen. Aber erst, wenn ich meinen Zahn fertig betrauert und den Trennungsschmerz durchlitten habe.

Wenn Trauer gerechtfertigt ist, macht es Sinn sich darauf einzulassen und dem Prozess Zeit einzuräumen.“

Genau. Auf das blutige Loch in meinem Kiefer blickend, wünschte ich mir übrigens alle Trennungen ließen sich mit steriler Stahlzange und örtlicher Betäubung durchführen. Mein Leben wäre einfacher. Und der verdammte Speicher nicht so voll.

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3 Gedanken zu “Trennungsschmerz

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