Erfahrungsaustausch

Diese Woche fand der Borderline Trialog statt. Der Trialog ist ein monatlicher Austausch zwischen Betroffenen, Angehörigen und Professionellen. Er soll das Gespräch über unterschiedliche, die Krankheit betreffende Themen des Alltags „auf Augenhöhe“ ermöglichen.

Diesmal zum Thema „Borderline und Sexualität“. Ich erwartete, dass es ziemlich voll werden würde. Erinnerte ich mich doch an den Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, bei der eine Nebensession zum Thema „Soziologie der Sexualität“ angeboten wurde. Die hereinströmenden Massen füllten nicht nur den kleinen Hörsaal, sondern bevölkerten sogar den Flur. Das Thema zog übergreifend: Organisationssoziologen, Arbeitssoziologen, Familiensoziologen, Stadtsoziologen – und mich. Die Vorträge der drei jungen Forschenden standen in keinem Verhältnis zum Auftrieb. So lernten wir etwas über den Einfluss gemeinsamer sozialer Netzwerke auf das Fremdgehverhalten in Paarbeziehungen, die Analyse weiblicher Diskursmuster in Reaktion auf männlichen Pornokonsum und eine junge Doktorandin beeindruckte mit soziologischer Feldforschung in Swinger Clubs. Methode: Teilnehmende Beobachtung. Kein Scherz. Aber ich schweife ab.

Entgegen meiner Erwartung war es nicht gerade überlaufen. Ungefähr 40 Personen kamen zusammen. Vielleicht war es abschreckend, dass es keine externen Fachvorträge gibt. Die Veranstaltung lebt davon, dass aus dem Nähkästchen geplaudert wird. Ein ziemlich delikates Nähkästchen in diesem Fall. Als Bewohner einer psychiatrischen Einrichtung ist man durch vorherige Therapien und diverse Diagnosegespräche den Seelenstriptease zwar gewohnt. Über Sexualität zu sprechen, scheint für viele trotzdem ein Tabu zu sein. Nicht für alle, wie ich später feststellen konnte.

Es gab eine Vorstellungsrunde. Die Mehrzahl sind „Betroffene“ und ein paar wenige Angehörige. Die Professionellen rekrutierten sich hauptsächlich aus den Mitarbeitern unserer Station. Als ich an der Reihe bin und „Betroffen“ sage, muss ich lachen. Aus Verlegenheit vielleicht. Oder weil ich es absurd finde, mich von meiner eigenen Persönlichkeitsstruktur als „betroffen“ zu bezeichnen.

Glücklicherweise wurde die Gruppe dann geteilt. Ich blieb in dem Teil, in dem sich nur unser Stationsarzt, zwei Pflegerinnen sowie Mitpatientinnen befanden, die zu Sexualität eher kein Verhältnis haben. Diese Entscheidung stellte sich als weise heraus. So blieb mir das Kopfkino erspart, mir meine Mitpatientinnen täglich beim Spannungsabbau in Swingerclubs vorstellen zu müssen. Die detailreichen Anekdoten von Gangbang-Partys, die mir ungefragt beim Mittagessen sprichwörtlich auf’s Brot geschmiert wurden, hatten mir gereicht. Nun war es nicht so, dass in meiner Gruppe nicht von Partnertausch, Sexsucht und BDSM gesprochen wurde. Diesen Menschen werde ich nur wahrscheinlich nie wieder begegnen.

Ich möchte behaupten, dass die Erfahrungsberichte in meiner Gruppe nicht repräsentativ sind. Bestimmte Personen nehmen viel Raum und Gesprächszeit ein. Die meisten sagen gar nichts. Das Spektrum der gelebten Sexualität bei Borderlinern scheint mir prinzipiell dem Durchschnitt der Bevölkerung nicht unähnlich. Mit etwas stärkeren Ausprägungen bei den Extremen vielleicht. Das kann auch damit zusammenhängen, dass die genetische Veranlagung zu einer emotional instabilen Persönlichkeitsstruktur häufig durch Missbrauch im Kindesalter, Vergewaltigung oder andere schwere Traumata ausgelöst wird. Dass diese Erfahrungen zu einem anderen Umgang mit Sexualität führen, dürfte auf der Hand liegen. Dies reicht von kompletter Asexualität bis zu Formen von Promiskuität, die von Therapeuten als selbstverletzendes Verhalten eingestuft werden.

Ich versuche den Abend mal zusammenzufassen: Sexualität kann für Borderliner viele Funktionen übernehmen. Es kann zum Spannungsabbau, zur Erhöhung des Selbstwertes, zur Überkompensation unliebsamer Emotionen oder – wie vorab erwähnt – zur Selbstverletzung verwendet werden.

Wann Sexualität überhaupt als Problem oder Problemverhalten gewertet werden kann, lässt sich mit der Pauschaldefinition im psychiatrischen Kontext beantworten: Wenn das Verhalten für die Betroffenen selbst ein Problem darstellt oder sich und anderen dadurch kurz- oder langfristig Schaden zugefügt wird. Kant hat es etwas hübscher formuliert. Die Debatte, ab wann sexuelle Aktivitäten als promisk einzustufen wären – wie viele? wie oft? – war ermüdend. Ein aufklärendes Eingreifen durch die Experten wäre wünschenswert gewesen.

Stattdessen hätte man intensiver über Moral, christliche Werte und Sozialisierung diskutieren sollen. Viele geraten wegen ihres Sexuallebens in innere Konflikte und werten sich ab. Nur weil ihr Verhalten den ihnen anerzogenen Konventionen zuwiderläuft. Wie andere Beispiele zeigten, kann eine Befreiung aus dem Korsett der gesellschaftlichen Sexualmoral heilende Wirkung haben und zu einer höheren Lebenszufriedenheit führen.

Auffällig bei der recht überschaubaren Anzahl der Teilnehmer war der hohe Anteil an aktiv BDSM-Praktizierenden. Wobei die weiblichen Betroffenen nahezu ausschließlich im Bereich des Submissiven unterwegs sind. Betrachtet man die Tendenz zur Selbstverletzung und –Abwertung kann man darin durchaus eine küchenpsychologische Logik finden, so wenn man denn will. Inwiefern ein Rollentausch auch therapeutisch-heilende Funktion übernehmen könnte, sollte mal Gegenstand empirischer Forschung werden.

Am Ende wurden die bis dahin schweigenden Professionellen gefragt, ob sie denn was mitnehmen konnten. Ja, es wäre sehr aufschlussreich gewesen. Danke. Ja, für mich auch. Zumal die Erfahrungsberichte anderer die eigenen Verhaltensmuster deutlich relativieren. So makaber es klingt, „Vergleichen“ wird in einem der Lehrbücher tatsächlich auch als Mittel zur Stressregulation empfohlen: „Denken Sie an Menschen, denen es schlechter geht. Lesen Sie z.B. die BILD-Zeitung, beschäftigen Sie sich mit Unglücken und Hungersnöten (…)“ (Bohus/Wolf 2009: 124). Ich möchte ergänzen: Oder lassen Sie sich einweisen und gehen in Selbsthilfegruppen. Das hat schließlich auch in Fight Club funktioniert. So verlasse ich die Veranstaltung mit dem Gefühl, nicht nur eine extrem fröhliche Depressive, sondern auch eine verdammt wenig gestörte Persönlichkeitsgestörte zu sein.

Der nächste Trialog findet übrigens zu „Borderline und das innere Kind“ statt. Bin mal gespannt, wie sich das zu BDSM- und Gangbang-Partys verhält.

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2 Gedanken zu “Erfahrungsaustausch

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