Krankenhausballettmaschine

Zehn Wochen hier. Zehn Wochen auf den Fluren des Krankenhauses. Frühmorgens, mittags, nachts. Zehn Wochen stille Beobachtung des täglichen Balletts. Eine Choreographie aus Schwestern in blauen Kitteln, Putzkräfte mit roten Wischeimern. Von links tritt auf: Der Wäschedient. Gestapelt überquellende Säcke auf Fahrgestellen vorbeigeschoben. Auftritt rechts: Die Wagen des Versorgungsservices. Kistenstapel Nahrungsmittel ziehen vorbei. Schichtwechsel. Ein Kommen, ein Gehen, funktionierende Abläufe. Ein Stück in mehreren Aufzügen. Alles wiederholt sich. Auch der Speiseplan. Alle vier Wochen. Man weiß mittlerweile um die Essbarkeit der Dinge.

Jeden Morgen von vorn. Vorbeiziehende Krankenbetten. Rollstühle mit Geriatriepatienten, aus sich öffnenden Türen geschoben und in Zweierreihen auf dem Flur geparkt. Die Pfleger rangieren mit der Empathie von Einkaufswagenordner auf Supermarktparkplätzen. Hinten zwei ran, vorne zwei weg. Rollbare menschliche Gegenstände. Die Alten verharren als wären sie nicht da. Resigniert oder stoisch ist nicht auszumachen. Eingefallene Schultern, Hände in den Schoß gefaltet, Kopf seitlich nach vorn geneigt. Wartend. Aber worauf? Weitergeschoben zu werden, umgeparkt oder doch schon auf den Tod? Ich schaue auf die aufgereihten Rollkörper und bekomme Angst alt zu werden.

Es folgt der Aufzug der Adipositaspatienten. Lebende Erwin Wurm-Exponate auf dem Weg zum Sportraum. Ein Zynismus des Raumprogramms führt an der Tortenauslage vorbei. Auf dem Rückweg hat sich ihr Aggregatzustand verändert. Schmelzend. Torten und Menschen. Daneben die Frauen der Anorexieabteilung, ihr fleischgewordenes Negativ. Auf das Überlebensnotwendige reduzierte Körper, vogelartig. In kleinen Schaaren stehen sie rauchend zusammen. Man möchte ihnen Krumen zuwerfen. Helfen würde es nicht. Alle abgekommen vom Mittelweg, der als Schnellstraße zur Normalität gepriesen wird. Die ganze Maschinerie auf Herstellung dieses Zustandes ausgelegt. Und doch weiß keiner, was das sein soll.

Aber die Maschine läuft. Aufnahmen und Entlassungen am Fließband. Sie kommen, sie gehen. Von manchen hört man wieder. Geschichten vom Scheitern. Und manchmal kommen sie wieder. Wenn sie dürfen. Und die Maschine läuft. Die Maschine funktioniert. In Prozessen und Abläufen. Nur funktionierende Menschen produziert sie nicht.

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6 Gedanken zu “Krankenhausballettmaschine

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