Emotionen

Ein zentraler Baustein der Therapie ist der Umgang mit Gefühlen. Ich habe Gefühle als das Lern- und Handlungsfeld identifiziert, aus dem ich den größten Erkenntnisgewinn und praktischen Nutzen im ganzen Angebot hier ziehen kann. Die Lehrmaterialen lesen sich wie ein Nachhilfebuch für Gefühlslegastheniker. Und das möchte ich niemandem vorenthalten. Und es hat etwas Faszinierendes und zum Teil Amüsantes, Gefühle auf derart simple und strukturiert rationale Weise dargestellt zu bekommen. Und auch das möchte ich niemanden vorenthalten. Es folgen Auszüge aus dem Lehrbuch, zitiert und paraphrasiert. Und bis auf wenige Ausnahmen ausnahmsweise unkommentiert.

Was sind Emotionen?

Emotionen sind automatisierte und erlernte Reaktionen auf innere und äußere Reize oder Informationen. Emotionen drängen zu bestimmten, ebenfalls automatisierten oder erlernten Handlungen. Emotionen sind kurz und rasch wechselnd, Stimmungen hingegen länger und stabiler – wie Wetter und Klima. Emotionen steuern unser Verhalten, auch im Vorfeld, indem wir unangenehme Emotionen meiden und angenehme Emotionen suchen.

Emotionen können uns wichtige Informationen über eine Situation geben und schlagen einen der Situation entsprechenden Handlungsimpuls vor. Jede spezifische Emotion wurde dazu entwickelt, uns zu ganz bestimmten Handlungen zu drängen. Das ist der eigentliche Sinn der Emotion. Aber es steht uns frei, in unserem Tun der Emotion nachzugeben oder bewusst anders zu handeln. Je stärker die Emotion desto schwieriger ist es jedoch, den Handlungsimpuls zu steuern. Auch unser Denken schaltet sich synchron zu den Gefühlen. Erinnerungen, die mit dem Gefühl zusammenhängen werden wachgerufen. Je stärker die Emotion, desto stärker werden die Erinnerungen und desto eingeengter wird das Denken. Eine aktivierte Emotion hat somit Auswirkungen auf das Denken und Handeln, aber auch auf die Wahrnehmung und Körperreaktion. So deuten wir Dinge im Licht der Emotion und nehmen eine Körperhaltung an, die der Situation entspricht. Die Intensität der Emotion hängt ganz davon ab, wie viele der vier Komponenten – Wahrnehmung, Denken, Körperreaktion, Handlungsdrang – gleichzeitig aktiviert werden.

Wann wird eine Emotion zum Problem?

Es gibt eigentlich nur drei Möglichkeiten, bei denen eine Emotion zum Problem wird:

  1. Die Emotion ist nicht gerechtfertigt, das heißt, sie entspricht nicht den realen Bedingungen.
  2. Die Emotion ist zwar gerechtfertigt, entspricht also den realen Gegebenheiten, aber sie ist zu intensiv.
  3. Die Emotion ist zwar gerechtfertigt, aber der Betroffene wehrt sich, die entsprechenden Konsequenzen aus der Emotion zu ziehen.

Und jetzt kommt die fast philosophische Frage:

Wann ist eine Emotion gerechtfertigt?

Grundsätzlich ist eine Emotion subjektiv immer stimmig. Das heißt, der Betroffene ist sich in aller Regel sicher, dass diese Emotion ihre Berechtigung hat. Er wird daher dazu tendieren, der Emotion zu glauben und entsprechend zu handeln. Nicht immer ist jedoch gewährleistet, dass die Emotion passend zur gegenwärtigen Situation ist. Wie findet man heraus, ob eine Emotion der Situation angemessen ist? Stellen Sie sich einen Freund oder Freundin ohne emotional instabile Persönlichkeitsstörung vor und fragen Sie sich, wie diese in dieser Situation reagieren würde.  (Toller Tipp. Ich würde mir nicht anmaßen wollen zu beurteilen, wer in meinem Freundeskreis emotional nicht auf die eine oder andere Weise gestört ist.) Wenn Sie so feststellen, dass Ihre Emotion nicht angemessen ist, versuchen Sie diese durch entgegengesetztes Denken und Handeln und durch entgegengesetzte Körperhaltung abzuschwächen. Ist das Gefühl der Situation angemessen und nicht zu intensiv, folgen Sie dem Handlungsimpuls  und tun Sie, was das Gefühl Ihnen rät.

Hierzu einige Auszüge aus den Gefühls-Infoblättern, die Orientierung bieten sollen:

Ärger und Wut. Wann sind Ärger und Wut angemessen? Wann immer Sie sich mit Recht bedroht fühlen oder jemand Sie daran hindert Ihre Ziele umzusetzen. Meistens ist es jedoch förderlich, Wut und Ärger nicht in voller Wucht zum Ausdruck zu bringen, sondern den Zeitpunkt und die Intensität sinnvoll zu wählen. Wie kann ich der Wut entsprechend sinnvoll handeln? Zunächst gilt es, Wut und Ärger wahrzunehmen und als sinnvoll einzuschätzen. Im zweiten Schritt ist abzuschätzen, wie man seine Ziele und Interessen am besten durchsetzen kann. Da lebensbedrohliche Situationen sehr selten sind, sollte man in der Regel üben, Wut und Ärger dosiert, wirkungsvoll und gezielt einzusetzen.

Angst. Angst ist immer dann gerechtfertigt, wenn man selbst oder jemand Nahestehendes tatsächlich gegenwärtig oder in naher Zukunft bedroht ist oder wenn man in Gefahr ist, etwas sehr wichtiges zu verlieren. Wie kann ich der Angst entsprechend sinnvoll handeln? Wenn man real bedroht ist, macht es Sinn zu fliehen, sich Hilfe zu holen, die Angst zu kommunizieren und sich zu wehren.

Ohnmacht. Ohnmacht ist eigentlich nur dann gerechtfertigt, wenn Ihnen oder jemand, der Ihnen sehr nahe steht, tödliche Gefahr droht, aus der es kein Entrinnen gibt. Dies ist äußerst selten der Fall. In den allermeisten Fällen gibt es entweder Lösungen oder die Möglichkeit der (radikalen) Akzeptanz. Wie kann ich der Ohnmacht sinnvoll handeln? Da das Gefühl fast nie berechtigt ist, kann ihm eigentlich keine sinnvolle Handlung folgen.

Scham. Scham ist immer dann berechtigt, wenn Sie tatsächlich Gefahr laufen, soziale Attraktivität zu verlieren. Entweder weil Sie sich so darstellen, dass andere sie abwerten werden oder wenn Sie unter Wert behandelt werden. Wie kann man der Scham entsprechend sinnvoll handeln? Wenn Sie sich zu weit aus dem Fenster gelehnt haben, macht es Sinn sich eine Weile zurückzuziehen, die Kompetenz zu verbessern oder bescheidener aufzutreten. Wenn Sie von anderen gedemütigt werden, macht es Sinn sich zu verteidigen und darum zu kämpfen gerecht behandelt zu werden.

Stolz. Stolz ist immer dann gerechtfertigt, wenn Sie eine Leistung erbracht haben, das heißt sich stark angestrengt haben und erfolgreich waren. Man kann auch auf die Anstrengung stolz sein, wenn diese nicht zum Sieg gereicht hat. Wie kann man dem Stolz entsprechend sinnvoll handeln? Wenn Sie sich zu Recht Stolz fühlen ist es folgerichtig, dass Sie dieses Hochgefühl zulassen und mit Ihren Freunden oder manchmal auch der Öffentlichkeit teilen. Wenn die Umgebung diese Leistung anerkennt, wird sie sich gerne mit Ihnen freuen und ihnen die entsprechende Anerkennung zollen.

Eifersucht. Immer wenn eine wichtige Beziehung tatsächlich gefährdet wird oder wenn ich trotz Anstrengung nicht die Nähe zu einer mir wichtigen Bezugsperson bekomme, ist Eifersucht gerechtfertigt. Wie kann ich der Eifersucht entsprechend sinnvoll handeln? Es ist notwendig zu überprüfen, ob man wirklich ein Anrecht auf eine exklusive Beziehung hat und tatschlich die Gefahr besteht, aus dieser Beziehung ausgeschlossen zu werden. Paarbeziehungen erfordern bisweilen harte Auseinandersetzungen darüber, was einem Dritten gestattet ist und was nicht. Dann ist es sinnvoll dafür zu sorgen, dass ich für einen Partner attraktiver bin als die Konkurrenz. Das kann sowohl die körperliche (sexuelle) als auch die intellektuelle Attraktivität als auch alles andere sein, was die Partnerschaft stabilisiert z.B. Sicherheit und Geborgenheit. Wichtig ist, diese Bemühungen dosiert einzusetzen, da bisweilen übertriebene Eifersucht den Partner sehr stark einengt und in die Flucht schlägt.

Lust und Begehren. Lust rechtfertigt sich zunächst aus sich selbst. Lust und Begehren flüstern ihnen gute Gründe ein, dem Verlangen nachzugehen. Wenn die Lust sehr stark ist, versucht sie Sie zu überreden alle Vernunft fahren zu lassen. Und manchmal liegt gerade genau darin der Reiz. Ob Lust gerechtfertigt ist oder nicht, hängt auch davon ab, ob die jeweiligen Verhaltensmuster mit ihren eigenen Werten und Zielen übereinstimmten. Wie kann man der Lust entsprechend sinnvoll handeln? Tun Sie, was Ihnen Ihre Lust rät. Konzentrieren Sie sich auf den Augenblick. Versuchen Sie loszulassen und den Moment zu genießen.

Falls jemand Interesse an mehr Informationen zu diesen oder Bedarf an weiteren Gefühlen hat, ich kann sie alle besorgen.

Und zum Schluss: Was macht man bei besonders schmerzhaften Emotionen?

Emotionssurfing. Emotionales Reagieren ohne zu handeln („Reacting without Reaction“). Damit soll man lernen negative Gefühle auszuhalten. Hier die Handlungsanleitung:

Machen Sie sich bewusst, Sie haben eine Emotion. Sie sind nicht ihre Emotion. Treten Sie einen Schritt zurück, schaffen Sie Raum zwischen sich und der Emotion. Versuchen Sie Ihre Emotion nicht zu blockieren. Versuchen Sie Ihre Emotion nicht zu unterdrücken. Versuchen Sie nicht Ihre Emotion loszuwerden. Erleben Sie Ihre Gefühle so stark sie eben sind. Niemand stirbt an Emotionen. Erleben Sie Ihre Emotion! Beobachten Sie den Handlungsdruck und belassen es dabei.

Nein, an Gefühlen ist noch niemand gestorben. Es fühlt sich nur manchmal so an.

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2 Gedanken zu “Emotionen

  1. Wann ist eine Emotion gerechtfertigt?
    Oh Mann….
    Als ob ich mir darüber Gedanken machen könnte, wenn Emotionen aus mir heraus brechen, mich überfluten und ich sie nicht steuern kann!

    Wie soll das gehen?

    Wenn ich tobe, schreie, heule und das vielleicht gleichzeitig….
    Wie soll ich mir da überlegen ob das gerechtfertigt ist?

    Ich reagiere empfindlicher, ich koche schnell hoch und ich bin auch schnell zurück im Schneckenhaus…..

    Schön wäre es, ich hätte mich besser im Griff.
    Mein Wunsch wäre, normaler zu sein.
    Fragt sich, was ist normal?

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