Mind Shaping

Meine letzten Tage. Zwölf Wochen Psychiatrie gehen zu Ende. Zeit Bilanz zu ziehen.

Wenn ich mich Frage, ob es richtig war hierherzukommen, ist die Antwort: unbedingt. Veränderung ist möglich – und war in meinem Fall wenn nicht notwendig, dann auf jeden Fall heilsam. Ja, Systeme wehren sich gegen Veränderung. Zumal die Angst besteht nicht zu wissen, was dabei herauskommt. Was macht mich aus, was bleibt von mir übrig, wenn ich entscheidende Denk- und Verhaltensweisen ablege? Eine wesentlich zufriedenere, mitfühlende und entspanntere Version meiner selbst.

Ich habe Waffenstillstand mit mir geschlossen. Meine Persönlichkeitsstruktur als Resultat genetischer Veranlagung und einer Lebensgeschichte akzeptiert, die ich mir nicht ausgesucht habe. Für deren Handlungen ich jedoch die Verantwortung trage. Ich habe eingesehen, dass es keinen Sinn macht, sich dauernd selbst zu bekämpfen, um zu vermeintlichen Höchstleistungen anzutreiben. Meine Kinder würde ich auch nicht so behandeln. Wenn ich an der Entwicklung einer Person interessiert bin, ermutige, motiviere und unterstütze ich sie. In einem netten und verständnisvollen Ton mit mir zu sprechen, ist tatsächlich eine völlig neue Erfahrung. Und fühlt sich verdammt gut an. Mir ist nur nicht verständlich, warum ich nicht früher darauf gekommen bin.

Ich habe zudem etwas entdeckt, was ich als „selektives Denken“ bezeichnen möchte. Mir ist klar geworden, dass ich entscheiden kann, was ich denke. In einem viel größeren Umfang als erwartet. Das geht weit über die abgedroschenen Sprüche zu positivem Denken und halbvollen-halbleeren Gläsern hinaus, für die ich kaum ein müdes Lächeln übrig hatte. Mich von verfestigten Grundannahmen von mir und der Welt zu lösen, die mir so selbstverständlich und damit nicht mal bewusst waren, eröffnet einen ungeahnten Gestaltungsspielraum. Und gibt mir Macht über mich, meine Gefühle und Wahrnehmungen. Das gelingt natürlich nicht immer, eher manchmal. Aber dieser Muskel lässt sich sicher noch trainieren.

Ich habe hier einige wundervolle und schöne Menschen kennengelernt, die mir geholfen haben auch den schönen und liebenswerten Menschen in mir selbst zu sehen. Und auch wenn mir dieser Ort nicht fehlen wird, der mir trotz allem irgendwie zu Hause geworden ist, werde ich diese Personen sehr vermissen.

Ich durfte zudem erkennen, welch großes Glück ich habe, mit meiner Veranlagung und Persönlichkeitsstruktur ein so wunderbares Leben zu führen. Dies ist vielen hier nicht vergönnt. Ich habe tolle Freunde, berufliche Verwirklichung und großartige Männer an meiner Seite gehabt, die ich leider nicht immer mit der Wertschätzung behandelt habe, die sie verdient hätten. Mein Leben war schon schön, bevor ich hierher kam. Jetzt fühlt es sich hoffentlich auch endlich so an.

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3 Gedanken zu “Mind Shaping

  1. danke für die Formulierung der letzten beiden Sätze!! Wie wahr, wie traurig. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass es sich irgendwann mal so anfühlt…
    Vielleicht brauche ich auch diesen Waffenstillstand, wo kann ich den kaufen; bisher auch nach verzweifelter Suche noch nicht gefunden. Unterschreibe sehr sehr sehr gerne

    Danke für die sarkastische Sicht auf „unser“ Sein

    Gefällt 1 Person

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