Alternative Heilmethoden

Montagnachmittag findet die Suchtgruppe statt. Die Runde, in der man über den Umgang mit Abhängigkeit, Abstinenz und Konsum spricht. Am Ende der Sitzung muss nicht nur die Anspannung, sondern auch der individuelle Suchtdruck benannt werden. Der ist hoch. Immer und bei allen. Klar, wenn man sechzig Minuten über sein bevorzugtes Rauschmittel und dessen stimulierende Wirkung spricht.

Geschickterweise ist im Anschluss die gemeinsame Kaffeetafel. Dort kann man den Suchtdruck mit Kuchen kompensieren. Eine fragwürdige Strategie der Suchtverlagerung wie ich finde. Aber die Adipositasstation ist gleich ein Haus weiter. Und freut sich sicher über Neuzugänge.

Um die Kuchenversorgung zu gewährleisten, werden jede Woche drei Patienten der Backgruppe zugeteilt. Deren größter Vorteil ist, dass man von der Bewegungstherapie befreit ist. Bewegungstherapie. Sie weckt bei mir böse Erinnerungen an den Schulsport. Selbst nach über zwanzig Jahren. Die Halle, das Im-Kreis-laufen-und-warm-machen, die kläglichen Versuche einer unmotivierten Truppe Ansätze von Tischtennis, Badminton oder Basketball beizubringen. Und immer als Letzte ins Team gewählt zu werden. Aber das ist eine andere Geschichte.

Mittlerweile mag ich Sport. Sehr sogar. Und backen ebenfalls. Beides sind probate Mittel des Stressabbaus. Aber nicht hier. Nicht in der Gruppe. Und nicht, wenn ich es muss. Damit bin ich nicht allein. Dinge, die man gern tut, werden zur Zumutung, wenn man dazu gezwungen wird. Darin besteht Konsens. Und auch umgekehrt gilt: Alles, was verboten ist, will man unbedingt. Wer Kinder hat oder selbst eins war, kennt das.

Daher denke ich kurzfristig über alternative Therapiekonzepte nach. Alkohol und Drogen sind erlaubt, ja sogar Pflicht. Achtsamkeit, Sport und angenehme Aktivitäten sind verboten. Mal sehen, wie lange es dauern würde, bis sich konspirative Zirkel bilden, die heimlich Achtsamkeitsübungen nach Mitternacht durchführen und Alkohol und Drogen in Selbsterkenntnis für immer entsagen.

Ok. Realistisch betrachtet ist die Erfolgsquote dieser Therapieform wohl eher gering. Die Rahmenbedingungen würden sich kaum von dem bisherigen Leben der Patienten unterscheiden. Wahrscheinlich würde auch keine Krankenkasse die psychiatrische Flatrate-Party finanzieren. Schade eigentlich.

Zurück zur Backgruppe. Ich versuche sie als Übungssituation zu sehen. Unangenehme Pflichten und Tätigkeiten akzeptieren, indem man die Haltung dazu verändert. Gepaart mit der Einsicht, dass man sich manche Dinge einfach nicht schön trinken kann. Weder mit Wodka noch Tabasco. Das ausgerechnet die Bewegungstherapie für alle ausfällt, wenn ich zur Backgruppe muss, war meinen Bemühungen einer positiven Einstellung jedenfalls nicht zuträglich.

Zähneknirschend und mit Magenkrämpfen nach zwei doppelten Tabasco verbrachte ich den Vormittag nun backend. Und, ja, der Kuchen ist toll geworden. Und, ja, alle haben sich wahnsinnig gefreut. Worüber ich mich dann gefreut habe. Therapiekonzept aufgegangen.

Wenn es mit der Wissenschaft nichts wird, werde ich also in die Konditorenbranche wechseln. Oder ich widme mich doch der Erforschung, wann verordnete Maßlosigkeit zu Überdruss, Selbstregulation und eigenverantwortlicher Askese führt. Nicht im Selbstversuch wohlbemerkt. Soviel hat die Therapie dann schon erreicht. Aber in der Suchtgruppe lassen sich sicher Freiwillige finden. So befriedigend ist mein Kuchen dann nämlich auch wieder nicht.

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Das Wort zum Sonntag

Warum sind die Verrückten immer dann ganz besonders verrückt, wenn ich Patientensprecherin bin?

Andererseits, wann hat man sonst die Gelegenheit Sonntagsansprachen zu wertschätzenden Umgangsformen und gegen jede Form von Diskriminierung zu halten.

Die Menschen wechseln, indiskutable Ansichten halten sich konstant. Das ist hier drinnen leider nicht anders als draußen.

Sieg der Vernunft

Donnerstagabends ist Akupunktur. Es werden die Suchtpunkte am Ohr punktiert. Vierzig Minuten im Sitzen bei Entspannungsmusik. Sie haben genau drei CDs. Und der entspannendste Effekt dieser Musik liegt darin, dass sie wieder abgeschaltet wird. Manchmal bin ich versucht die Anlage aus dem Fenster zu werfen. Was natürlich nicht geht. Die Fenster lassen sich nicht weit genug öffnen. Man könnte schließlich auch auf die Idee kommen, dem Abspielgerät hinterherzuspringen. Was mir nach vierzigminütiger Zwangsbeschallung nicht als die schlechteste Alternative erscheint.

Man kann sich von der Akupunktur befreien lassen. Zum Beispiel wenn man heroinabhängig war. Der Umgang mit Nadeln ist dann nicht so empfehlenswert. Trigger. Nach kurzer Abwägung entschied ich mich dagegen meine Biographie diesbezüglich anzupassen. Auf die Nadeln darf man auch so verzichten. Anwesenheitspflicht besteht trotzdem. Ich versuche es positiv zu sehen und nutze die wöchentlichen vierzig Minuten zum Lesen. Was natürlich ebenfalls verboten ist. Als ich das Buch einmal in Anwesenheit der Pflegerin rausholte, wurde ich umgehend zurechtgewiesen. Wir wussten beide, dass ich es sofort wieder aufschlagen würde, sobald sie den Raum verlässt. Aber ich sehe es als stille Übereinkunft: Ich tue so als würde ich ihre Regeln befolgen. Und sie tut so, als würde sie nicht merken, dass ich es nicht tue. Laissez-faire à la Psychiatrie.

Diesen Donnerstag wollte ich nicht hingehen. Ich war auf Krawall gebürstet. Mir dürstete nach Aufmerksamkeit. Konfrontative Auseinandersetzung ist auch eine Form der Zuwendung. Meine ehemaligen Partner wissen, was ich meine. Ich blieb der Akupunktur also fern. Und freute mich schon auf das Klopfen an der Tür und den bereits bekannten Dialog: „Frau Nuthouse, wir haben Sie bei der Akupunktur (wahlweise Kreativgruppe, Bewegungstherapie, äußere Achtsamkeit…) vermisst.“ – „Wenn ich gewusst hätte, dass ich Ihnen fehlen würde, wäre ich natürlich gekommen.“ Aber diesmal kam niemand um mich zu holen. Wie bedauerlich.

Stattdessen sollte ich am Samstagmorgen kurzfristig mit der Entzugsgruppe an der Akupunktur teilnehmen. Mein Hinweis, dass mir das jetzt so gar nicht in den Zeitplan passen würde, bewirkte nichts. Außer Missstimmung. Da die Akupunktur der Suchtis nur fünfundzwanzig Minuten geht, sollte ich zudem sitzen bleiben bis die mir verordneten vierzig Minuten um sind.

Natürlich. Ich nehme zwar keine Nadeln. Aber ich bleibe gern noch weitere fünfzehn Minuten alleine im Raum sitzen und starre die Wand an, sagte ich. Und das meinte ich tatsächlich ernst. Regeln sind Regeln und ihre Ausführung wichtiger als deren Sinnhaftigkeit. Das habe ich hier gelernt. Ich rede mir beruhigend ein, dass es keine Anzeichen von Anpassung sind, sondern die radikale Akzeptanz und der Gleichmut absurde Dinge einfach hinzunehmen.

Auf dem Weg zum Nadelraum hält mich die Pflegerin dann doch zurück. Sie hätte nochmal nachgedacht. Wenn ich die Akupunktur ohnehin nicht mitmache, könne ich auch mit den anderen gehen. Das wäre sonst irgendwie Quatsch.

Genau! Quatsch. Ich bin überrascht und versuche mich in verhaltenen Glückwünschen: „Schön, dass Sie das so sehen.“

Sie schielt auf meine Handtasche. „Aber Frau Nuthouse?“

„Ja?“

„Versuchen Sie bitte nicht zu lesen.“

„Ja. Versuchen werde ich es.“

Erfahrungsaustausch

Diese Woche fand der Borderline Trialog statt. Der Trialog ist ein monatlicher Austausch zwischen Betroffenen, Angehörigen und Professionellen. Er soll das Gespräch über unterschiedliche, die Krankheit betreffende Themen des Alltags „auf Augenhöhe“ ermöglichen.

Diesmal zum Thema „Borderline und Sexualität“. Ich erwartete, dass es ziemlich voll werden würde. Erinnerte ich mich doch an den Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, bei der eine Nebensession zum Thema „Soziologie der Sexualität“ angeboten wurde. Die hereinströmenden Massen füllten nicht nur den kleinen Hörsaal, sondern bevölkerten sogar den Flur. Das Thema zog übergreifend: Organisationssoziologen, Arbeitssoziologen, Familiensoziologen, Stadtsoziologen – und mich. Die Vorträge der drei jungen Forschenden standen in keinem Verhältnis zum Auftrieb. So lernten wir etwas über den Einfluss gemeinsamer sozialer Netzwerke auf das Fremdgehverhalten in Paarbeziehungen, die Analyse weiblicher Diskursmuster in Reaktion auf männlichen Pornokonsum und eine junge Doktorandin beeindruckte mit soziologischer Feldforschung in Swinger Clubs. Methode: Teilnehmende Beobachtung. Kein Scherz. Aber ich schweife ab.

Entgegen meiner Erwartung war es nicht gerade überlaufen. Ungefähr 40 Personen kamen zusammen. Vielleicht war es abschreckend, dass es keine externen Fachvorträge gibt. Die Veranstaltung lebt davon, dass aus dem Nähkästchen geplaudert wird. Ein ziemlich delikates Nähkästchen in diesem Fall. Als Bewohner einer psychiatrischen Einrichtung ist man durch vorherige Therapien und diverse Diagnosegespräche den Seelenstriptease zwar gewohnt. Über Sexualität zu sprechen, scheint für viele trotzdem ein Tabu zu sein. Nicht für alle, wie ich später feststellen konnte.

Es gab eine Vorstellungsrunde. Die Mehrzahl sind „Betroffene“ und ein paar wenige Angehörige. Die Professionellen rekrutierten sich hauptsächlich aus den Mitarbeitern unserer Station. Als ich an der Reihe bin und „Betroffen“ sage, muss ich lachen. Aus Verlegenheit vielleicht. Oder weil ich es absurd finde, mich von meiner eigenen Persönlichkeitsstruktur als „betroffen“ zu bezeichnen.

Glücklicherweise wurde die Gruppe dann geteilt. Ich blieb in dem Teil, in dem sich nur unser Stationsarzt, zwei Pflegerinnen sowie Mitpatientinnen befanden, die zu Sexualität eher kein Verhältnis haben. Diese Entscheidung stellte sich als weise heraus. So blieb mir das Kopfkino erspart, mir meine Mitpatientinnen täglich beim Spannungsabbau in Swingerclubs vorstellen zu müssen. Die detailreichen Anekdoten von Gangbang-Partys, die mir ungefragt beim Mittagessen sprichwörtlich auf’s Brot geschmiert wurden, hatten mir gereicht. Nun war es nicht so, dass in meiner Gruppe nicht von Partnertausch, Sexsucht und BDSM gesprochen wurde. Diesen Menschen werde ich nur wahrscheinlich nie wieder begegnen.

Ich möchte behaupten, dass die Erfahrungsberichte in meiner Gruppe nicht repräsentativ sind. Bestimmte Personen nehmen viel Raum und Gesprächszeit ein. Die meisten sagen gar nichts. Das Spektrum der gelebten Sexualität bei Borderlinern scheint mir prinzipiell dem Durchschnitt der Bevölkerung nicht unähnlich. Mit etwas stärkeren Ausprägungen bei den Extremen vielleicht. Das kann auch damit zusammenhängen, dass die genetische Veranlagung zu einer emotional instabilen Persönlichkeitsstruktur häufig durch Missbrauch im Kindesalter, Vergewaltigung oder andere schwere Traumata ausgelöst wird. Dass diese Erfahrungen zu einem anderen Umgang mit Sexualität führen, dürfte auf der Hand liegen. Dies reicht von kompletter Asexualität bis zu Formen von Promiskuität, die von Therapeuten als selbstverletzendes Verhalten eingestuft werden.

Ich versuche den Abend mal zusammenzufassen: Sexualität kann für Borderliner viele Funktionen übernehmen. Es kann zum Spannungsabbau, zur Erhöhung des Selbstwertes, zur Überkompensation unliebsamer Emotionen oder – wie vorab erwähnt – zur Selbstverletzung verwendet werden.

Wann Sexualität überhaupt als Problem oder Problemverhalten gewertet werden kann, lässt sich mit der Pauschaldefinition im psychiatrischen Kontext beantworten: Wenn das Verhalten für die Betroffenen selbst ein Problem darstellt oder sich und anderen dadurch kurz- oder langfristig Schaden zugefügt wird. Kant hat es etwas hübscher formuliert. Die Debatte, ab wann sexuelle Aktivitäten als promisk einzustufen wären – wie viele? wie oft? – war ermüdend. Ein aufklärendes Eingreifen durch die Experten wäre wünschenswert gewesen.

Stattdessen hätte man intensiver über Moral, christliche Werte und Sozialisierung diskutieren sollen. Viele geraten wegen ihres Sexuallebens in innere Konflikte und werten sich ab. Nur weil ihr Verhalten den ihnen anerzogenen Konventionen zuwiderläuft. Wie andere Beispiele zeigten, kann eine Befreiung aus dem Korsett der gesellschaftlichen Sexualmoral heilende Wirkung haben und zu einer höheren Lebenszufriedenheit führen.

Auffällig bei der recht überschaubaren Anzahl der Teilnehmer war der hohe Anteil an aktiv BDSM-Praktizierenden. Wobei die weiblichen Betroffenen nahezu ausschließlich im Bereich des Submissiven unterwegs sind. Betrachtet man die Tendenz zur Selbstverletzung und –Abwertung kann man darin durchaus eine küchenpsychologische Logik finden, so wenn man denn will. Inwiefern ein Rollentausch auch therapeutisch-heilende Funktion übernehmen könnte, sollte mal Gegenstand empirischer Forschung werden.

Am Ende wurden die bis dahin schweigenden Professionellen gefragt, ob sie denn was mitnehmen konnten. Ja, es wäre sehr aufschlussreich gewesen. Danke. Ja, für mich auch. Zumal die Erfahrungsberichte anderer die eigenen Verhaltensmuster deutlich relativieren. So makaber es klingt, „Vergleichen“ wird in einem der Lehrbücher tatsächlich auch als Mittel zur Stressregulation empfohlen: „Denken Sie an Menschen, denen es schlechter geht. Lesen Sie z.B. die BILD-Zeitung, beschäftigen Sie sich mit Unglücken und Hungersnöten (…)“ (Bohus/Wolf 2009: 124). Ich möchte ergänzen: Oder lassen Sie sich einweisen und gehen in Selbsthilfegruppen. Das hat schließlich auch in Fight Club funktioniert. So verlasse ich die Veranstaltung mit dem Gefühl, nicht nur eine extrem fröhliche Depressive, sondern auch eine verdammt wenig gestörte Persönlichkeitsgestörte zu sein.

Der nächste Trialog findet übrigens zu „Borderline und das innere Kind“ statt. Bin mal gespannt, wie sich das zu BDSM- und Gangbang-Partys verhält.

Humorfreier Raum

In einer Mischung aus Übermut und Schabernack hatte ich zwei Postkarten an das schwarze Brett der Station gehängt:

bipolar (1) therapy

Ihre Verbleibedauer betrug circa vier Stunden. Zur heutigen Vollversammlung wurde der Punkt „Schwarzes Brett (Aushänge)“ auf die Tagesordnung genommen. Es folgte eine zehnminütige Standpauke über die Funktion der Aushangtafel, die Hoheit über die Aushangtafel, fragwürdigen Humor und die Ernsthaftigkeit von Therapie.

Falls noch Hoffnung oder Zweifel bestanden: Nein, sie verstehen wirklich keinen Spaß hier.

Burn it

Ich habe mich entschlossen alles an Erfahrungen mitzunehmen, die mein Aufenthalt mir bieten könnte. Außerdem war mir langweilig. Sehr langweilig. Gegen die hiesige Ereignislosigkeit bat ich den Pfleger um die Hitzsalbe. Extra stark. Das Vortäuschen extremer Gemütszustände war nicht einmal notwendig. Während er die Salbe auf meinen Unterarm aufträgt, warnt er vor Augenkontakt. Ich denke eher an andere Körperstellen.

Erst passiert nichts. Dann Jucken. Gefolgt von leichtem Brennen. Die Haut verfärbt sich rot. Als Kind hatte ich einprägsame Kontakte mit Brennnesseln. Das fühlte sich ähnlich an. Man könnte sich zum Skillen auch damit mal auspeitschen. Diesteln hingegen zählen wohl schon als selbstverletzendes Verhalten. Ich werde das in der Gruppe ansprechen. Die Tauglichkeit von Flora und Fauna zur Anspannungsregulation ließe sich mit einer Exkursion erforschen. Outdoor-Skillen. Um bestimmte Pilzsorten sollte man mit der Truppe allerdings einen Bogen machen.

Ich betrachte den Arm. Irgendwie enttäuschend. Nach dreißig Minuten fängt es dann doch an interessant zu werden.

BurnIt1 BurnIt2

Die Wirkung wird die nächsten Stunden intensiver werden. Und die ganze Nacht anhalten. Alles, was mit meinem Arm in Berührung kommt, wird heiß. Und rot. An der Landkarte meines Körpers lassen sich meine Schlafpositionen ablesen. Und beim Duschen nachspüren.

Mein Fazit: Als Skill scheint mir die Salbe ungeeignet. Wer aber intensive Körperempfindungen zu schätzen weiß, wird die Salbe lieben. Abschließend bleibt zu hoffen, dass es nicht noch langweiliger wird. Wer weiß, welche Selbstversuche mir als nächstes einfallen.